Zur Lage

Ein Tumult wird nicht angezettelt. Er entsteht, aus heiterem Himmel, auf der Straße, auf dem Markt, im Parlament. Er enthüllt sich nach der Eingabe eines Stichworts oder zweier Stichworte in eine Suchmaschine, zum Beispiel von „Gesichter“ und „Mode“. („Welches Gesicht ist angesagt?“ fragt bei Google ganz oben die „Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationale Zusammenarbeit“.) Plötzlich tritt er in Erscheinung, etwa beim Blick durch das Mikroskop oder auf eine Zeitungsseite oder in die Augen des Geschäftspartners. „Tumult“ ist ein Oberbegriff für die Ereignisse des Tages. Erkenne die Lage: Tumult. Dieses Periodikum ist nach ihm benannt, da sie auf ihn reagiert.

Nach einem Vierteljahrhundert geduldeter Existenz als intellektuelles Beiboot neben mehreren Verlagsschiffen hat sich unsere Zeitschrift bzw. Schriftenreihe einer radikalen Metamorphose unterzogen. Sie erscheint nun im Alpheus Verlag von Hanns Zischler, der dem Redaktionsteam von Anfang an als „ambulanter Redakteur“ angehörte. Hanno Rink, Redaktionsmitglied und Gestalter ab Nr. 1, hat zusammen mit Hanns Zischler und ambitionierten jungen Kräften die Erscheinungsform von TUMULT grundlegend verändert. TUMULT wird aus einer Schriftenreihe mit akademischer Anmutung zu einem wandlungsfähigen Organ für verschiedene Darstellungsweisen. Die Redaktion wurde erweitert und hat sich dabei verjüngt. Sie besteht (unverändert) aus deutschen und österreichischen Kulturwissenschaftlern, Philosophen und Medienschaffenden sowie französischen Korrespondenten.

Der Neuanfang hat einen triftigen Beweggrund. Unser Interesse an Gelegenheiten, möglichst unbeeinträchtigt von der Sogwirkung des Journalismus, den Ratschlägen der Marketing-Abteilungen und den stillschweigenden Vorgaben des Hochschulbetriebs zu arbeiten, ist heute größer denn je. Wir predigen keine Askese. Beteiligt zu sein am Wettbewerb der Verbreitungswege und am Handgemenge um das letzte Quentchen Aufmerksamkeit im strapazierten Publikum, ermöglicht unvergleichliche Hochflüge und Abstürze. Es steigert jedoch auch den Hunger nach Wirklichkeit, den Dingen, den irdischen Zusammenhängen.

Wirklichkeit? Der Begriff ist diskreditiert. Wir selbst waren an vorderster Front mit dabei, als es darum ging, die Konkurrenz der vielen Setzungen (Konstruktionen) als Vielfalt zu feiern und die Konstrukte dann wieder zu dekonstruieren. Heute aber lässt uns das Konstrukt der Konstrukte, der Cyberspace, keine andere Wahl, als das Wirkliche zu rehabilitieren: als das, was an der elektromagnetischen Allgegenwart abprallt. Alle Versuche, die Orte und Strecken und die Dauer der Dinge (die Lebensdauer insbesondere) dem Virtuellen einzugliedern beziehungsweise ihm anzuhängen, sind gescheitert. Sie haben die Orte und Strecken entleert und den Hunger vergrößert. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir im Vollbesitz der hunderttausend virtuellen Möglichkeiten unter Auszehrung leiden.

Satt werden wir nicht in Foren, die auf die Beachtungsfilter der tagesaktuellen Medien zugeschnitten sind. Fast die gesamte Forschung und Lehre streckt sich mittlerweile nach dieser immer kürzer werdenden Decke, denn sie will ja finanziert werden. Sättigung – freilich jeweils nur kurzfristige – finden wir nur in kleinen unverfrorenen Foren, dicht an der Grenze zum buchhändlerischen Samisdat, vorausgesetzt, die hier tätigen Ermittler sehen in ihrer Arbeit am Gegenstand einen Selbstzweck und lassen sich bei ihr viel Zeit.

Ähnliches hat die TUMULT-Redaktion bereits vor zehn und vor zwanzig Jahren behauptet: Wir stehen immer wieder erst am Anfang des Erkennens. So hieß es in einer TUMULT-Anzeige der frühen Neunzigerjahre: „Die von den Medien bis in die letzten Winkel ausgeleuchtete und erschöpfend aktualisierte Erde überrascht die Gutunterrichteten täglich mit unverplanbaren Eskapaden: Terra incognita.“ Die Sinne zu schärfen für Phänomene, die in den Schneisen der Plausibilität unkenntlich sind, das Überraschende, bringt weitaus mehr Ertrag als die Erhöhung des Reflexionsgrads (Vorsicht, Autopoiesis!) und des Informationsaufkommens.

Kein Thema auf der weltpolitischen Agenda der Gegenwart war vor zehn Jahren erwartet worden; keines der weltpolitischen Probleme in der Mitte der Neunzigerjahre ist heute bewältigt. Das erstaunt allerdings nicht. Die Überraschung in der Überraschung jedoch, beispielsweise im islamistisch artikulierten Terrorismus, ging auf keine Prognoseschwäche zurück. Sie resultierte aus der Unfähigkeit, vorhergesagte weltweite Konflikte (etwa den „Kampf der Kulturen“) anders als außenpolitisch zu begreifen. Heute wissen wir, dass es weltbürgerkriegsartige, somit innere Konflikte sind. Aber bereits in einer TUMULT-Ausgabe des Jahres 1985 („Der Planet“) wurden die Struktur und Wahrscheinlichkeit solcher Konflikte in mindestens zwei Beiträgen behandelt (in Paul Virilios „Der kritische Raum“ und Wolfert von Rahdens „Moving Frontier – Hidden Line“.)

Die Erde erschließt sich allein dem fremden Blick. Je schneller die Fernverkehrsteilnehmer sich zu beschleunigen und zu entgrenzen meinen, desto emsiger befördern sie die Wiederkehr des Gleichen. An diesem Gleichen aber sind wir interessiert. Ohne seine Rück-Vergegenwärtigung verpassen wir das Neue, sagen wir besser, das Andere. Auch deswegen hatte und hat TUMULT einen starken archäologischen Einschlag. Die Erscheinungen der Gegenwart haben ihre Bedingungen auch in anderen Gegenwarten. Um zu erfassen, was eben erst zutage tritt, legen wir die verschütteten Verkehrsverhältnisse weit verbreiteter Objekte und Texte frei, besuchen die stillen Gesellschafter der lautesten Wortführer und sehen uns im toten Winkel der öffentlichen Wahrnehmung um. Denn es gibt kein Fortschreiten der Aufklärung ohne ein Fortschreiten der Verdunkelung. Heute, im Status des „Erdverlusts“ (Paul Virilio) und der „Ermordung des Zeichens“ (Jean Baudrillard), lassen uns die nächsten angesagten Grenzüberschreitungen kalt. Dagegen achten wir hellhörig auf die Spuren und die Vorzeichen einer Wiederkehr des eigenen Orts.
Frank Böckelmann, Walter Seitter